Unsere Mission 2026: Mensch und Technologie neu denken
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Im Herzen Münchens, umgeben von streng geometrischer Architektur, steht der „Freundliche Riese“. Die 17 Meter hohe Skulptur ist ein ausdrucksstarker Kontrapunkt: Sie symbolisiert Dynamik, Vorwärtsdrang und menschliches Handeln. Gerade deshalb wirkt sie wie eine Einladung, das Verhältnis zwischen Mensch und Technologie neu zu denken. Nicht als Konfrontation, nicht als Ersatz, sondern als Gestaltungsfrage. Genau darin liegt die zentrale Chance für das Jahr 2026.
Das vergangene Jahr hat eine wichtige Zäsur markiert. Die lange als „magisch“ beschriebene Generative KI ist erwachsen geworden. Aus Showcases und Experimenten ist eine ausdifferenzierte Landschaft entstanden: nützliche Werkzeuge, ernsthafte wirtschaftliche Anwendungen, aber auch kontroverse Debatten und sichtbare Fehlschläge. Diese Reibung ist kein Zeichen des Scheiterns, sondern ein Symptom von Reife. Entscheidend ist, dass sich der Fokus verschiebt. Weg vom Staunen über Möglichkeiten, hin zur Frage, wie wir die entstehenden Gestaltungsräume verantwortungsvoll und produktiv nutzen.
Wenn Technologie schneller wird als Organisationen
Gestaltungsräume entstehen dort, wo Technologie nicht isoliert betrachtet wird, sondern in organisatorische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Kontexte eingebettet ist. Genau hier liegt eine der größten Herausforderungen für Unternehmen. Die technologische Dynamik bleibt hoch, während viele klassische Organisationsmodelle weiterhin auf Stabilität, Silos und lineare Steuerungslogiken ausgelegt sind. Diese Modelle bremsen zunehmend mehr, als dass sie Orientierung bieten. Gleichzeitig wissen wir heute sehr viel genauer, wie Organisationen verändert werden müssen, um resilient, schnell und produktiv zu bleiben. Besonders im Datenmanagement und in der Data- und AI-Governance existieren inzwischen robuste Blaupausen, die nicht theoretisch, sondern praxiserprobt sind. Wer sie konsequent umsetzt, schafft die Voraussetzung dafür, KI wirksam einzusetzen, ohne sich auf fragwürdige Geschäftspraktiken oder intransparente Abhängigkeiten einzulassen.
Produktivität entsteht nicht durch Tools, sondern durch Klarheit
Der Umbau von Unternehmen ist dabei kein Selbstzweck. Er ist die Voraussetzung für bessere Produkte und Dienstleistungen. Organisationen, die ihr Datenvermögen systematisch pflegen, kennen ihre Zielgruppen, verstehen deren Probleme und können den Erfolg ihrer Lösungen messen. Diese Fähigkeit wird in den kommenden Jahren entscheidend sein. Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen versprechen keine schnellen Exportbooms und keine Rückkehr zu alten industriellen Wachstumsraten. Um aus einer Phase geringer Dynamik herauszuwachsen, müssen öffentliche Investitionen und günstigere Finanzierungskosten gezielt in Digitalisierung als Produktivitätshebel fließen. KI und Automatisierung werden dabei von einem Gimmick zu einem echten Effizienz- und Innovationsfaktor. Nicht zuletzt deshalb, weil die Zahlungsbereitschaft für reine Spielereien spürbar sinkt. Technologie muss liefern, nicht beeindrucken.
Dabei zeigt sich ein Muster, das in vielen Studien bestätigt wird. Nur ein vergleichsweise kleiner Teil der Unternehmen realisiert heute bereits messbaren wirtschaftlichen Nutzen aus KI-Investitionen. Der Grund liegt selten in der Technologie selbst, sondern fast immer in fehlender Integration. KI wird eingeführt, ohne Prozesse, Verantwortlichkeiten und Entscheidungslogiken anzupassen. Dort, wo KI jedoch als Teil eines umfassenden Gestaltungsansatzes verstanden wird, entstehen neue Formen der Wertschöpfung. Mensch und Maschine arbeiten nicht gegeneinander, sondern komplementär. KI übernimmt Analyse, Mustererkennung und Skalierung. Menschen behalten Steuerung, Verantwortung und Urteilskraft.
Warum die Arbeitsmarktdebatte am Kern der Sache vorbeigeht
Damit rückt ein weiterer Gestaltungsraum in den Mittelpunkt: der Mensch. Die öffentliche Debatte über KI und Arbeit ist nach wie vor stark von Zuspitzungen geprägt. Schlagzeilen über einen vermeintlichen KI-Tsunami auf dem Arbeitsmarkt erzeugen Aufmerksamkeit, bieten aber wenig Orientierung. In der Realität zeigt sich ein differenzierteres Bild. Bis KI reibungslos und verlässlich funktioniert, ist intensive menschliche Arbeit erforderlich. Menschen definieren Ziele, überwachen Ergebnisse, korrigieren Verzerrungen und tragen Verantwortung. Gleichzeitig bleibt ausreichend Zeit, Kompetenzen schrittweise weiterzuentwickeln und sich auf neue Aufgaben einzustellen. Viele der apokalyptischen Szenarien basieren auf problematischen Annahmen, etwa einer vollständigen Substitution menschlicher Arbeit oder einer rein kostengetriebenen Implementierung von KI.
Die eigentliche Gestaltungsfrage lautet daher nicht, ob Arbeit verschwindet, sondern wie Arbeit sich verändert und wie diese Veränderung politisch, organisatorisch und gesellschaftlich begleitet wird. Bildungssysteme, Steuerpolitik, Arbeitsrecht sowie Mitbestimmungs- und Miteigentumsmodelle bieten reale Hebel, um aus der Transformation etwas Positives zu machen. Historisch betrachtet wäre dies kein Novum. Auch frühere technologische Umbrüche haben neue Rollen, neue Qualifikationen und neue Formen der Zusammenarbeit hervorgebracht, wenn sie aktiv gestaltet wurden.
Digitale Souveränität ist kein Schlagwort, sondern eine Gestaltungsfrage
Diese Gestaltungsfrage stellt sich nicht nur auf Unternehmensebene, sondern auch auf europäischer Ebene. Digitale Souveränität ist längst mehr als ein politisches Schlagwort. Sie entscheidet darüber, ob Europa langfristig selbstbestimmt über seine wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung verfügen kann oder in strukturelle Abhängigkeiten gerät. Souveränität bedeutet dabei nicht Abschottung, sondern Gestaltungsfähigkeit. Eigene Dateninfrastrukturen, klare Governance-Rahmen, vertrauenswürdige KI-Systeme und eine wettbewerbsfähige Innovationslandschaft sind zentrale Bausteine. Regulatorische Initiativen wie der EU AI Act setzen hierfür wichtige Leitplanken, entfalten ihre Wirkung aber nur, wenn sie mit Investitionen, Kompetenzen und unternehmerischem Gestaltungswillen zusammengedacht werden.
Der „Freundliche Riese“ steht sinnbildlich für genau diese Haltung. Er verkörpert Kraft ohne Aggression, Größe ohne Bedrohung und Bewegung ohne Kontrollverlust. Übertragen auf die digitale Transformation heißt das: Technologie darf mächtig sein, aber sie muss eingebettet bleiben in menschliche Werte, Verantwortung und Entscheidungsfähigkeit. Die Gestaltungsräume sind da. Sie werden nicht automatisch genutzt, aber sie stehen offen.
Wenn wir sie gemeinsam betreten, können wir Unternehmen zukunftsfähig umbauen, bessere Produkte entwickeln und Menschen aktiv in die Transformation einbinden. So kann Europa einen entscheidenden Schritt in Richtung digitaler Souveränität gehen und die eigene Zukunft selbst gestalten.
Ich wünsche allen einen erfolgreichen Start ins Jahr 2026.