Executive Insight
Der blinde Fleck der KI-Transformation
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Viele Unternehmen können heute ziemlich genau sagen, wie viele KI-Lizenzen sie gekauft haben, wie viele Mitarbeitende geschult wurden, welche Pilotprojekte laufen. Eine andere Frage lässt sich damit kaum beantworten: Welche Kompetenzen entstehen eigentlich durch diese Investitionen? Diese Frage klingt einfach. Sie trägt dennoch den gesamten folgenden Gedankengang, weil kaum eine Geschäftsleitung sie heute aus dem Stand präzise beantworten könnte.
Anders als frühere Technologiewellen macht KI diese Frage unmittelbar sichtbar. Wo frühere Systeme vor allem Prozesse beschleunigten, verändert KI die Qualität einzelner Entscheidungen und macht dadurch schonungslos sichtbar, wer eine Aufgabe wirklich versteht und wer sie bislang nur routiniert erledigt hat. Kompetenzlücken, die früher Jahre unbemerkt blieben, treten heute in Wochen zutage. Das erklärt, warum das Thema plötzlich Chefsache geworden ist, obwohl Weiterbildung selten Vorstandsthema war.
Die meisten Unternehmen behandeln KI-Kompetenz noch wie ein Schulungsthema. Tatsächlich ist sie näher an Organisationsentwicklung als an Weiterbildung.
Diese Verschiebung hat Folgen für die Art, wie Führungskräfte über Kompetenz nachdenken sollten: nicht als etwas, das Einzelne erwerben, sondern als etwas, das eine Organisation gemeinsam herstellt, oder eben nicht herstellt. Drei Beobachtungen zeigen, woran das in der Praxis meist scheitert.
Drei Beobachtungen, die dieses Muster erklären
1. Hohe Nutzung ist kein Beleg für organisationale Reife
Ein Grossteil der Wissensarbeitenden nutzt KI längst im Alltag, oft mit eigenen, nicht offiziell bereitgestellten Werkzeugen. Nur eine Minderheit der Unternehmen zieht daraus einen messbaren finanziellen Nutzen. Nutzung ist sichtbar. Wertschöpfung meist nicht. Bemerkenswert daran ist weniger die Zahl selbst als das, was sie über die aktuelle Phase der Transformation aussagt: Der Engpass hat sich von der Einführung zur Integration verschoben.
So wenige Unternehmen erzielen laut einer BCG-Befragung unter mehr als tausend Führungskräften in 59 Ländern einen substanziellen finanziellen Nutzen aus ihren KI-Investitionen.
2. Training erklärt. Es verändert nicht automatisch die Arbeit.
Allgemeine KI-Schulungen senken Berührungsängste und schaffen ein gemeinsames Vokabular. Was sie selten leisten: den Transfer in den eigenen Arbeitsalltag. Ein Konzept erklärt zu bekommen ist etwas anderes, als es unter realen Bedingungen einzusetzen. Das verschiebt die eigentliche Führungsaufgabe: nicht mehr Trainingsteilnahmen zu zählen, sondern zu definieren, welche Entscheidung in welcher Rolle künftig anders getroffen werden soll.
3. Kompetenz entsteht in der Organisation, nicht in der einzelnen Person
Der eigentliche Hebel liegt selten bei Einzelnen. Er liegt darin, wie Rollen, Teams, Prozesse und Führung zusammenspielen. Die eigentliche Führungsaufgabe ist deshalb nicht der Einsatz von KI, sondern die Übersetzung von individuellem Können in eine organisationale Fähigkeit – in Prozesse, Dokumentation und Governance, die auch ohne die ursprüngliche Person tragfähig bleiben. Verlässt eine Wissensträgerin oder ein Wissensträger das Unternehmen, verschwindet sonst genau das Wissen, das den Unterschied gemacht hätte.
Gerade Unternehmen, die besonders viel in KI investieren, laufen dabei paradoxerweise Gefahr, sich für weiter zu halten, als sie sind. Viele Projekte, viele Trainingsteilnahmen, eine formale Governance-Struktur erzeugen schnell den Eindruck von Reife.
Aktivität ist nicht gleich Reife
Die Illusion entsteht, weil Aktivität leicht zu zählen ist und Kompetenz nicht. Eine Geschäftsleitung kann Lizenzen, Schulungstage und Pilotprojekte in einer Kennzahl zusammenfassen. Ob daraus tatsächlich bessere Entscheidungen in den Rollen entstanden sind, in denen es zählt, lässt sich nicht in derselben Zeile berichten. Was sich leicht messen lässt, wird gemessen. Was schwer zu messen ist, wird stillschweigend als vorhanden angenommen.
Das macht die Illusion gefährlich, nicht harmlos. Sie verzögert die eigentliche Investition. Solange eine Organisation glaubt, bereits über ausreichend Kompetenz zu verfügen, stellt sie die wichtigere Frage nicht mehr, wie diese Kompetenz systematisch in Rollen, Entscheidungen und Verantwortlichkeiten übersetzt wird. Aktivität wirkt dann nicht als Fortschritt, sondern als Beruhigungsmittel.
Gerade erfolgreiche KI-Programme sind davon besonders betroffen. Wer früh sichtbare Ergebnisse liefert – einen funktionierenden Prototyp, eine viel genutzte Anwendung –, erhält intern Bestätigung, weiterzumachen wie bisher. Genau dieser frühe Erfolg verringert den Anreiz, die schwierigere, weniger sichtbare Integrationsarbeit überhaupt zu beginnen. Erfolg wird so, gegen die eigene Absicht, zum Hindernis für den nächsten Schritt.
Woran lässt sich die Illusion erkennen? An einer einfachen Verschiebung der Frage. Wer als Führungskraft fragt, wie viele Mitarbeitende KI nutzen, misst Aktivität. Wer fragt, welche Entscheidung heute anders und besser getroffen wird als vor einem Jahr, misst Kompetenz. Die zweite Frage ist unbequemer. Sie ist auch die einzige, die etwas über die tatsächliche Reife einer Organisation aussagt.
Manche Organisationen experimentieren noch, andere haben Governance aufgebaut, wieder andere schulen intensiv. Auf den ersten Blick wirkt das wie eine einfache Linie zwischen Anfang und Ziel. Selbst fortgeschritten wirkende Unternehmen arbeiten dabei jedoch oft fragmentiert: Rollen und Verantwortlichkeiten sind formal definiert, ohne dass daraus eine wirklich datengetriebene Zusammenarbeit entsteht. Bemerkenswert ist, was die wenigen Unternehmen unterscheidet, die durchgängig Wert erzielen: Sie verfolgen tendenziell weniger, aber fokussiertere Initiativen als ihre Wettbewerber und investieren den grössten Teil ihrer Ressourcen in Menschen und Prozesse statt in zusätzliche Technologie.
Das macht die Aufgabe komplexer als ein Trainingsprogramm. Die relevanten Perspektiven liegen über HR, IT, Fachbereiche und Führung verteilt, und Organisationen können ihren eigenen Reifegrad aus der Innenperspektive nur begrenzt objektiv beurteilen.
In einem Unternehmen entstand aus Eigeninitiative rasch ein funktionierender KI-gestützter Bericht, der ein altes Problem in der Vertriebsprovisionsberechnung löste – ein überzeugender Nachweis dessen, was möglich ist. Bei Erweiterungswünschen zeigte sich jedoch: Die Logik war kaum dokumentiert, eine produktive Anbindung liess sich aus Sicherheitsgründen nicht herstellen, und ausser dem Ersteller konnte niemand den Bericht warten oder verantworten. Technisch funktionierte die Lösung. Organisatorisch verankert war sie nicht.
Der Fall zeigt im Kleinen, was im Grossen gilt: Ein technischer Nachweis ist keine organisationale Fähigkeit. Erst wenn Wissen dokumentiert, geprüft und übertragbar ist, hält es einem Rollenwechsel oder einer Prüfung durch die Informationssicherheit stand. Genau das unterscheidet einen gelungenen Prototyp von einer produktionsreifen Fähigkeit.
Die entscheidende Frage am Ende ist deshalb nicht, wie viel KI ein Unternehmen einsetzt. Sondern: Welche Kompetenzen sind dadurch tatsächlich entstanden – und wer im Unternehmen könnte diese Frage heute schon präzise beantworten? Wer eine fundierte Antwort finden will, findet die zugrunde liegenden Studien und die vollständige Argumentation im Executive Paper.
KI-Kompetenz, die wirkt
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